Montag, 29. Juni 2015

"In Europa liegt das Paradies auf Erden, in Russland in der Seele"

Tag 1 der Sommerschule der Konrad-Adenauer-Stiftung in Suzdal zum Thema "das Land, in dem ich leben möchte" ist vorüber. Da die Anreise mit dem Bus sehr tagesfüllend war, standen heute außer gemeinsamem Abendessen mit Begrüßung und Einführung nichts auf dem Programm. Und dennoch habe ich schon so viel gelernt.
Während der Busfahrt, Russischstunde mit Kristina, meiner lieben Kollegin, zudem Erlernen von russischen und Beibringen von deutschen Zungenbrechern.
In Suzdal angekommen gibt es eine Lektion in russicher Freundlichkeit, als unsere Projektleiterin ie Chefin des Restaurants, in dem wir wenige Stunden später mit der Gruppe zum Essen angemeldet sind, zur Schnecke macht, weil sie die Tische nicht richtig hingestellt hat.
Während des Essen gibt es dann kleine Pausen, in denen wir ein Brainstorming zum Thema Russland machen, jeder schreibt in 2,5 Minuten auf, was ihm zum Land auffällt. Dabei kommen besonders häufig Punkte wie die russische Weite, Natur und die russische Vielfalt auf. Bei einem anschließenden Voting stellt sich heraus, dass auch politische Begriffe wie Putin, Konservatismus und auch Sieg nicht unbedingt negativ gesehen werden. Einstimmige Kritik gibt es aber an Schlagworten wie Machtvertikale, fast autoritär, Armut, Gewalt und Blut. Frau Crawford, die Chefin der KAS in Moskau, schließt daraus, dass die jungen Russen eine überwiegend positive Bindung zu ihrem Land haben. Sie verweist darauf, dass allerdings die teils negativen Bewertungen von politischen Begriffen sowie die Nichtnennung von Wörtern wie Partei, politische Debatte und Medien auch durchaus "zum Nachdenken anregen kann. Und das wollen wir die folgenden Tage tun. In welchem Land, möchtet ihr leben?"
 Und auch wenn man Frau Crawford sicherlich irgendwie zustimmen kann, so kommt es mir doch so vor, als habe sie das, was sie nach ihrer Analyse herausgefunden hat, auch in den Ergebnissen des Brainstorming gesucht. Sie war eindeutig vorbelastet. Nun sind wir ja auch hier, um über Politik zu sprechen, aber dieses ständige förmliche Suchen nach Dingen, die nicht gut laufen, geht selbst mir langsam auf den Keks.

Nach dem Essen erleben wir dann noch einen goldenen Sonnenutergang am goldenen Ring, so heißt der "Ring", auf dem Suzdal und andere wohl sehr sehenswerte russische Städte liegen. Dabei löchere ich die Studenten weiter mit meinen 100000 Fragen - und sie freuen sich, sie mir in aller Ruhe so gut wie möglich zu beantworten. Von mir wollen sie wissen, warum ich überhaupt in Russland bin, was mich, besonders jetzt, hierhin verschlägt. Sie freuen sich über mein Interesse, über jede noch so dumme Frage, darüber, dass ich keine Angst habe. Von langen, interessanten Gesprächen bleibt mir heute ein stechender Satz in Erinnerung: In Europa liegt das Paradies auf Erden, in Russland in der Seele der Menschen. Dies vermittelt hier die orthodoxe Kirche besonders den Menschen, denen es schlecht geht, die keine Verbesserung ihrer Lebenssituation erfahren. Viele Studenten erzählen mir heute, dass sie ein großes Problem in der Gleichgültigkeit der Menschen sehen. "Sie handeln nicht, sie wollen nicht handeln, sie sehen dafür keinen Anlass." Da erinnere ich mich an das Denkmal von vor einigen Tagen, dass die Laster der Erwachsenen abbildete. Im Zentrum all dieser Laster, im Zentrum von Krieg, Sucht und Armut, stand die Indifferenz.

(Bilder kann ich leider erst Donnerstag hochladen......)

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