Sonntag, 26. Juli 2015

Fazit: 6 Wochen Moskau, 6 Wochen Brücken bauen

Das erste Mal in Russland, das erste Mal in Moskau, das erste Mal Praktikum in einer großen deutschen Stiftung. In meinen letzten 6 Wochen habe ich viele ganz neue Erfahrungen gemacht, viele neue Leute kennengelernt, Freundschaften geschlossen. Mir ist bewusst geworden, wie mächtig Kultur ist, wie belebend und natürlich Vielfalt doch ist, wie wunderbar friedlich man übereinstimmen kann, nicht übereinzustimmen, und wie das alles auch ganz schön frustrierend sein kann.

Aber der Reihe nach.

Russland. Unvorstellbar groß ist dieses Land. Drei seiner Städte habe ich mehr oder weniger gesehen, die allesamt Touristenmagnete sind: Sankt-Petersburg, Suzdal, Moskau. Ist es mir da überhaupt möglich, mir ein Bild des Landes zu machen? Moskau ist nicht Russland, sagt man, Sankt-Petersburg ist europäisch und Suzdal? An Suzdal ist die Moderne mehr oder weniger vorbeigelaufen, hier erlebt man das wahre Russland, wie es schon immer gewesen ist, sagen die Reiseführer. Das stimmt wahrscheinlich insofern, als es hier ländlicher ist, abgeschiedener. Alles ist irgendwie kaputt, die Straßen sind holprig, die bunte Farbe der kleinen Holzhäuschen blättert schon ab, überall laufen wilde Hunde in Rudeln herum. Der wilde Charme, die Einfachheit fasziniert mich, erweckt in mir romantische Vorstellungen von Autonomie, Abgeschiedenheit, Idylle.

Moskau. 12,x Millionen Einwohner, die größte Stadt Europas. Fast ein Zehntel der russischen Bevölkerung lebt in Moskau. Bemerkbar macht sich das morgens in der Metro, in der ich morgens um 9 nicht einmal ein Gesicht zweimal gesehen habe. Moskau pulsiert, immer ist etwas los, vor 1 Uhr nachts war ich hier seltenst im Bett. Ich kenne keine Stadt, die einen vergleichbaren Eindruck auf mich gemacht hat. Der Mix aus zaristischer, sowjetischer und moderner Architektur wirkt hier nicht wie ein unpassend zusammengesetzter Flickenteppich, sondern er spiegelt die Identität der Moskoviten wider. Bettelnd in einem Metrodurchgang trauern die einen der Sowjetunion hinterher, in der es ihnen viel besser ging, als heute, seit der Öffnung Russlands. Die anderen, meist die jungen Moskoviten, kennen diese Union nur noch aus Erzählungen der Eltern und Großeltern. Sie reisen viel, lernen Fremdsprachen aus Ländern jeder Ecke der Welt, informieren sich über aktuelle Geschehnisse in internationalen Medien, sind über facebook, Instagram, youtube und vkontakte vernetzt. Auf die Frage ‚Ist Russland für dich eher ein europäisches, oder ein asiatisches Land’ antworten viele mit weder noch. Russland geht einen Sonderweg, ist anders als alle anderen, mit keinem Land vergleichbar. Darauf ist man hier stolz, auf diese Unabhängigkeit von rolemodels. Man geht seinen eigenen Weg, man öffnet sich, ohne beim ständigen Werteverfall des Westens mitzuziehen. Traditionelle Werte wie Ehe, Familie und Vaterlandsliebe werden mit Inbrunst verteidigt – von durchweg allen Generationen. Wenn dann der Supreme Court in den USA die Homo-Ehe landesweit legalisiert, fühlt man sich in seinem eigenen Weg nochmal bestätigt. Russland will Gegenpol sein zu einer Weltmacht, die, um ihre Werte in die entlegensten Ecken der Welt zu verbreiten, auch unerlaubt in souveräne Staaten einmarschiert. Davon kann man halten, was man will (und vor allem kann man da Russland auch den Spiegel vorhalten), aber es lässt mich den russischen Stolz aufs eigene Land besser nachvollziehen. Wer will schon nicht der Gute sein, der dem Bösen, Machtbesessenen Einhalt gebietet. Das hat Russland schon einmal gemacht, z.B. 1945, und das macht Russland weiterhin, bzw. man versucht es. Aber wie entscheidet man, wer oder was gut oder böse ist? Wer entscheidet das? Hier in Russland ist mir nochmal bewusster geworden, dass das alles nur eine Frage der Perspektive ist. Dass die Menschen hier sich selber, bzw. auch die Politik ihres Landes als gut, als notwendig, als gerechtfertigt ansehen. Aus westlicher Perspektive ist sie das nicht, genauso wenig wie die westliche Politik aus russischer Perspektive richtig ist. 

Eine der Grundideen der Demokratie ist doch, dass die gewählten Vertreter die Interessen des Volkes, ihrer Wähler, repräsentieren. Umfragen hier zeigen, dass ca. 80% der Russen die Politik Putins befürworten. Gleichzeitig sind Menschenrechte und politische Beteiligung nur für einen sehr geringen Prozentsatz der russischen Bevölkerung von Bedeutung. Wie kann der Westen sich es dann also erlauben, hierher zukommen und das System nach seinen eigenen Vorstellungen umkrempeln zu wollen? Diese Frage ist ganz bewusst provokativ gestellt, weil man sie im Westen häufig einfach gar nicht stellt. In unserem Kulturkreis finden wir die Forderung nach den, von uns als definierten globalen, Menschenrechten natürlich. Ein gutes Leben ohne diese Rechte kann man sich beispielsweise in Deutschland kaum vorstellen (dabei sind auch in Deutschland noch lange nicht alle Menschenrechte erfüllt). Hier ist das anders. Das liegt sicherlich auch an der aktuellen Staatsführung, die jegliche Oppositionsbewegungen sofort unterdrücken zu versucht, die eine freie Meinungsbildung nicht erlaubt. Aber das liegt auch an der russischen Geschichte, an den russischen Traditionen, an der russischen Kultur. Kultur ist kostbar, das wissen wir alle. Also geben wir doch dieser Kultur die Möglichkeit, ihren eigenen Weg zu finden, ihre eigenen Vorstellungen eines guten Lebens zu verwirklichen. 

Praktikum. Wenn ich so denke, wie konnte ich dann in einer westlichen Stiftung ein Praktikum absolvieren, könnte man jetzt sicherlich fragen. Entgegen meiner Erwartungen kann ich rückblickend (dank meiner Praktikumserfahrungen) sagen, dass die Konrad-Adenauer-Stiftung in Moskau „nichts weiter tut“, als einen Dialog zu führen. Nicht einmal während meiner Gespräche mit den Mitarbeitern oder Veranstaltungsteilnehmern hatte ich das Gefühl, dass man als Moralprediger auftritt (Ausnahme war nur in einem Fall das Verhalten der Chefin). Jede Veranstaltung, an deren Organisation oder Durchführung ich teilgenommen habe, war ein Dialogprogramm. Jeder Teilnehmer war freiwillig da, die russischen Teilnehmer sogar in dem Bewusstsein, dass ihre Teilnahme sich auf eine mögliche Karriere in Russland sehr negativ auswirken kann. Einige Veranstaltungen boten einfach eine Möglichkeit für russische Studenten, ihren Standpunkt zu erläutern, ohne dass dieser von deutscher Seite kommentiert wurde. Am Anfang war ich sehr überrascht darüber, fragte mich teilweise, ob die Projektleiter kein Veranstaltungsziel, keine Message für die Teilnehmer hatte. Unter Message stellt ich mir dabei die Betonung von demokratischen Werten und Menschenrechten vor. Mit der Zeit wurde mir aber bewusst, dass in der Stiftungsarbeit, zumindest bei der KAS Moskau, tatsächlich der altbekannte Weg das Ziel ist. Es ging nicht um Moralpredigten oder Aufrufe zu Widerstand o.ä. gegen das Putin-Regime. Es ging darum, dass die Veranstaltungsteilnehmer sich ihre eigene Meinung bilden. Dass sie Raum für Diskussionen haben, für Überlegungen, für Austausch. Mittendrin in diesem Austausch habe ich einige tolle Menschen kennengelernt.

BegegnungenIm Praktikumsbüro ist mir besonders Gayane ans Herz gewachsen – eine spritzige und fürsorgliche, stolze Armenierin, die es sich irgendwann zur Aufgabe gemacht hat, mir die Stadt zu zeigen und bei allen Problemen des Alltags zu helfen. Die Chefin Frau Crawford hat mich mit ihrer Einstellung gegenüber Praktikanten sehr beeindruckt. Auch wenn sie in der Bürohierarchie am höchsten steht und damit am weitesten entfernt von uns Praktikanten, ist sie uns doch immer auf Augenhöhe begegnet und hat unsere Arbeit sehr ernst genommen und geschätzt. Christina, der jüngsten Mitarbeiterin des Büros, bin ich nicht nur für jede Aufgabe dankbar, die sie an mich weitergeleitet hat (wenn ich gerade in einer Dürreperiode gelangweilt an meinem Schreibtisch saß), sondern auch für ihre ständigen und oft sehr überraschen Wechsel der Konversationssprache ins Russische – so, als ob es selbstverständlich wäre, mit mir Russisch zu sprechen. Außerdem war sie stets überraschend ehrlich zu mir, wenn ich sie zu ihrer eigentlichen, privaten Meinung zu allen möglichen Themen im Kontext der aktuellen Spannungen zwischen der EU und Russland oder zur Stiftungsarbeit befragte. Neben meinen Co-Praktikanten Dima, mit dem ich Moskau nochmal ganz anders erkunden konnte, gehörte sie zu den wenigen Russen, denen ich auch die brenzligsten Fragen zur russischen Politik und Kultur ohne Scheu stellen konnte.

Dank des Praktikums hatte ich die Möglichkeit, eine ganze Reihe von jungen russischen Studenten kennenzulernen, die ich dann alle meiner Fragenflut ausgesetzt habe. Am wackersten gehalten hat sich dabei Grigory, „der Staatenlose“, mit dem ich alle Fragen und Meinungen zur politischen Situation in Russland und der EU auf Englisch, Deutsch, oder ein wenig auch auf Russisch, diskutieren konnte.
  

Aber nicht immer muss es um die Weltrettung gehen, das Leben dreht sich halt nicht nur um Politik, sondern, viel wichtiger, um Menschlichkeit. Mensch sein, viel Lachen, Spaß haben, Russisch und Deutsch sprechen, Moskau erkunden und Freundschaft genießen konnte ich vor allem mit meiner lieben, begabten Yulia, ihrer so herzlichen und schönen Mutter Venera und natürlich mit meiner Judith, aus der die Lebensfreude und Menschlichkeit nur so sprüht.
Judith ist eine Brückenbauerin -  sie zimmert durchgehend eifrig an einer Brücke, die zur Zeit zusammenzubrechen droht: die Brücke zwischen Deutschland und Russland. Dabei sind Brücken so etwas Tolles, wer will schon ständig nur am eigenen Ufer stehen und die Menschen auf der anderen Seite nur aus der Ferne beobachten? 
 
Und so hat Judith es auch in meinem Fall geschafft, eine prachtvolle Brücke zu bauen, über die ganze viele tolle Menschen gehen können, um sich kennenzulernen, Spaß zu haben, Freundschaften zu schließen. Wie sagte Thomas, ein deutscher Sportjournalist, während eines Abendessens mit Yulia, Judith, Venera und mir noch gleich? „Die deutsch-russische Freundschaft existiert doch gar nicht mehr!“ - „Doch“, entgegnete Judith bestimmt und zeigte auf Yulia und mich, „sie sitzt vor dir“.

 . 


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