„Entschuldigung,
darf ich Sie kennenlernen?“ tritt inmitten der Alexandrowski Gärten ein junger, im Anzug gekleideter Mann an mich
heran. Ich bin gerade mit Gayane, unserer Sekretärin, unterwegs und völlig überrascht davon, so willkürlich
angesprochen zu werden. „Ich möchte Sie kennenlernen. Darf ich Ihren Namen
erfahren?“ insistiert er. Völlig verdutzt lehne
ich ab, doch mein Nein wird nicht akzeptiert. Warum ich ihn nicht
treffen wolle?, möchte er wissen. Ob ich kein Russisch verstünde, wendet er sich
an Gayane. Zum Glück erlöst uns Dima, mein deutsch-russischer Co-Praktikant,
aus der unangenehmen Situation, indem er sich zu uns gesellt und dem jungen
Mann verständlich macht, dass ich wirklich kein Interesse habe*.
Für mich war diese
Anmache plump, komisch und unangenehm, auch wenn der Mann die ganze Zeit über
sehr höflich geblieben ist. Für russische Frauen, so erklärt mir Dima, völlig
normal, ja wird sogar so erwartet, gewünscht. Mein Fehler war wohl, dass ich
mein Nein nicht entschieden genug gesagt habe, mich nicht umgedreht habe und
weggegangen bin. Wenn Frau hier in einer solchen Situation lächelnd und
verwirrt dreinschauend Nein sagt, dann ist das so gut wie ein ja.
Was ist das für
eine Kennenlernkultur, wie verhalten sich Männer und Frauen hier auf
Partnersuche?
Zunächst einmal fällt
mir auf, dass man hier in Moskau als Frau – egal, wo man ist – „auf dem Markt“
ist. Ob ich mit Gayane und Dima durch die Moskauer Innenstadt schlendere,
einkaufen gehen, in der Metro bin, überall ist es völlig normal, angesprochen
zu werden. Ich persönlich empfinde das als einen Angriff auf meine Privatsphäre.
Wenn ich jemand kennenlernen wolle würde, dann würde ich dorthin gehen, wo man
eben Leute kennenlernt. Das hängt sicherlich auch mit der
deutschen/europäischen Praxis zusammen sich schick zu machen, wenn man ausgeht
und Leute trifft. Im Alltag läuft man dagegen gemütlich rum, kleidet sich in Jeans,
T-shirt und Sneakers, möchte mehr oder weniger unter sich bleiben. Man muss
keinen Eindruck machen.
Hier, zumindest
gilt das in jedem Fall für Moskau, ist jeder noch so langweilige und stinknormale Tag eine neue Gelegenheit
für Frauen, sich besonders schick zu machen, aufzufallen: mit möglichst hohen
Schuhen, Kleid oder Rock und dem passenden Make-up ist das Moskauer
Alltagsoutfit perfekt. Wenn eine Frau dann angesprochen wird, ist das für sie
ein großes Kompliment. Sie gibt sich bescheiden, spricht leise und lächelt
leicht, lehnt das Angebot ab. Das gehört sich so, für eine junge Frau mit Anstand. Nach mehrmaligem insistieren seitens des Mannes kommt es dann zu einem Treffen. Und hier wird es nochmal interessant, denn das Idealbild der russischen Frau ist doch ganz schön anders als das, der europäischen/deutschen. Wunderschön sein reicht auch in Russland nicht, um die Herzen der Männer zu erweichen. Klug muss man sein, ein Familienmensch, Berufstätig und, am wichtigsten, schwach. Zumindest muss man so tun. Wer sich also im Dunkeln nicht nach Hause bringen lässt, seine Restaurantrechnung alleine zahlt, oder seine Tasche alleine schleppt, der ist nicht begehrenswürdig. Schließlich muss der Mann der Beschützer sein, stark und furchtlos, mit einer wunderschönen, schwachen Frau an seiner Seite. Böse Zungen würden sagen, Mann und Frau puschen sich mit diesem Verhalten gegenseitig ihr Ego auf...Aber das ist jetzt mein europäischer Standpunkt, den die russischen Damen sicherlich auch verwerflich fänden.
Kurz und knapp gesagt sind die Geschlechterrollen hier noch sehr traditionell verteilt - und Homosexualität ist natürlich ein Tabu-Thema. Geheiratet wird früh, zwischen Mann und Frau, nicht selten bereits dann, wenn man ein halbes oder 1 Jahr zusammen gewesen ist. Die Russen sind also traditionelle Romantiker, was die Liebe angeht.
"Es hätte auch gut sein können, dass er dir ein Gedicht aufsagt", sagt mir Dima noch, nachdem er mir erklärt hat, wie die ur-russischen, traditionellen Kennenlernmethoden noch heute angewandt werden.
*andere Formulierungsvariante:
Entschlossenen Schrittes kommt Dima, der die Situation von weitem beobachtet hat, zu uns. „Dobre den“ begrüßt er den
Anzugträger mit tiefer Stimme. „Entschuldigen Sie, ist das Ihre Dame?“ wendet sich
letzterer überrascht an Dima. Mit einem bestimmten „Ja“ rettet mich Dima aus
der heiklen Situation. Plötzlich galoppiert ein weißes Pferd heran, beherzt
hilft mir Dima aufzusteigen und wir reiten gemeinsam gen Kreml, hinter dem die
rote Abendsonne gerade versinkt.
(Wer den Text
aufmerksam gelesen hat kann sich denken, wer diese Variante vorgeschlagen hat)
P.s.: Im Kreml wartet dann der edle Prinz Dieter von Wolfensburg auf mich, zu dem mich Dima sicher geleitet :):)
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