Dienstag, 7. Juli 2015

Heute habe ich die Armut gesehen

Täglich laufe ich an ihnen vorbei, an all den Leuten am Straßenrand, vor- und in der Metro, mit Fotos ihrer Kinder, die sie doch ernähren müssen, Flyer austeilend vor den Geschäften oder verzweifelt, die offene Hand ausgestreckt, in Hausecken gepresst.
Bettelnde Menschen gibt es auch bei uns und, auch wenn ich mich schäme es sagen zu müssen, sind für mich nichts Außergewöhnliches. Aber diese Verkäufer an jeder Ecke, sie faszinieren mich, sie sind für mich bezeichnend für das Stadtbild Moskaus.
Oft haben sie kleine Stände aufgebaut, ein kleines Höckerchen oder ein Tuch auf dem Boden dient als Verkaufstisch. Und auch wenn ein jeder von diesen wortwörtlichen Einzelhändlern nicht mehr als 1, 2 oder vielleicht 10 Dinge verkauft, ist das Angebot doch gewaltig: Blaubeeren und Walderdbeeren in kleinen Plastikbechern, Salatköpfe, selbstgepflückte Blumen, Seidenstrümpfe, hochmoderne Klamotten, Bücher, alte Dokumente, selbstgestrickte Socken.... Heute habe ich eine Frau gesehen, die Setzlinge ihrer Wohnzimmerpflanze in abgeschnittenen Plastikflaschen verkaufte. Wie sie da stand und ihre Setzlinge verkaufen wollte wirkte sie so bizarr, fast lächerlich, und dennoch sprach aus ihrer Verzweiflungstat nur der letzte Rest Hoffnung, den sie aufbringen konnte.

Zuvor sind mir heute das erste Mal so richtig die schäbigen Hochhäuser aufgefallen, in denen so gut wie jeder Moskovite hier lebt. Wer es sich leisten konnte, hat aus dem Balkon seiner kleinen Wohnung im 35. Stock noch einen Wintergarten gezimmert – stabil sehen die alten Holzlatten und Wellbleche nicht aus. Wenn ich mir dann versuche bewusst zu machen, welche Massen an Menschen hier auf einem Raum leben, über- unter- und nebeneinander, dann wird mir ganz unwohl zumute.

Im großen, (offiziell) billigen Supermarkt, den ich heute aufsuche, um Geld zu sparen, fällt mir statt niedrigeren Preisen nur der Gestank nach Schweiß, abgenutzter Luft und alten Lebensmitteln auf. Frisches Obst und Gemüse kann man hier nicht finden, alles ist eingedetscht, dreckig, verschrumpelt und vermatscht. Kein Wunder, dass die Frische-Abteilung einem einzigen Wühltisch gleicht – ein jeder versucht durch minutenlanges Tasten und Wühlen, doch noch ein einigermaßen passables Exemplar zu finden.

Zurück ins deutsche Dorf fahre ich heute mit dem alten Trolleybus, dessen Sitze zum Großteil behelfsmäßig zusammengeklebt sind und schief in den Angeln liegen. Als ich aussteige und eine alte, schwerbepackte Dame vorne Schwierigkeiten dabei hat, einzusteigen, hilft ihr keiner. Und sie erwartet auch keine Hilfe, sie musste es schließlich schon immer alleine schaffen.

Heute habe ich Armut gesehen. Verzweifelte Menschen, um die sich keiner kümmert, schon gar nicht der Staat. Auf einem vorbeifahrenden Auto klebte neben dem Symbol der Sowjetunion der Spruch „спасибо деду, за победу!“ (Danke Opi, für den Sieg). Früher war Russland ein großes Land – ein Land, das nach dem Selbstverständnis der Russen Europa vom Nationalsozialismus befreit hat. Heute ist es isoliert, viele sind arm und verzweifelt. Kein Wunder, dass sie sich die Sowjetunion zurückwünschen. Kein Wunder, dass sie Putin unterstützen.



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