Dienstag, 18. August 2015

24 Jahre Unabhängigkeit - 24 Jahre Parallelwelten

Wie bereits im vorherigen Artikel angesprochen, existiert das estnische Volk an sich zwar schon lange  - dessen Recht auf Selbstregierung wurde ihnen allerdings in der Geschichte immer wieder von ganz unterschiedlichen Nationen verweigert. Den Esten wirklich spürbar in Erinnerung geblieben ist allerdingt lediglich eine Besatzungszeit - die der Sowjets. Kein Wunder könnte man sagen, das war ja auch die letzte, die viele noch hautnah miterlebt haben. Das stimmt zwar und ist ein sehr ausschlaggebender Faktor, allerdings ist hier Besatzer nicht gleich Besatzer. Als die Nazis hier 1940 nach einem Jahr sowjetischer Besatzung einmarschierten wurden sie nämlich mit freudigem Applaus und Begeisterung empfangen - als Befreier vom ersten Jahr sowjetischer Besatzung, in dem ca 8000 Esten in Gefangenschaft gerieten und 10.000 Männer, Frauen und Kinder in die Sowjetununion zwangsdeportiert wurden. Zwar wurden unter deutscher Besatzung 8000 Esten getötet und mehrere tausend kamen in Konzentrations- und Gefangenenlager, allerdings scheinen die Esten das auch heute noch weniger schlimm wahrzunehmen, als die Repressionen, Tötungen und Deportationen durch die Sowjets, die nach 1944 bis 1991 fortgeführt worden.
Dieser Teil der estnischen Geschichte ist auch heute in Tallinn noch allgegenwärtig. Überall, wo man hingeht, hört man Menschen Russisch sprechen. Wenn man mit Einwohnern reden möchte, muss man nur ihr Alter abschätzen und kann dann entscheiden, ob man sie lieber auf Englisch oder auf Russisch anspricht (Estnisch ist für mich leider keine Option), da der Großteil der Bevölkerung über 40 kein Englisch, sondern lediglich Russisch als Fremd- oder natürlich sogar als Muttersprache spricht. Denn die russische Minderheit, von der hier so oft gesprochen wird und deren Vorfahren zu Sowjetzeiten hier als Teil der Russifizierungsmaßnahmen angesiedelt wurden, macht in Estland mehr als 1/4, sogar fast 1/3, der Bevölkerung aus. 
Von einem Zusammenleben kann allerdings nicht die Rede sein. Als ich hier ankam, vor mittlerweile fast 4 Wochen, riet man mir bloß nicht mit dem Bus zwei Haltestellen zu weit zu fahren - dort seien die Russen, und es könne gut sein, dass die betrunken und bewaffnet durch die Straßen ziehen (Wenn man gerade aus Moskau kommt und das Land und einige Leute ins Herz geschlossen hat, ist das die perfekte Begrüßung). Man muss dazu sagen, dass dieser Ratschlag von meinen Gastgebern stammte, die beide sehr große Antipathien gegen Russen und Russland hegen - wie viele Esten, leider. Vor ein paar Tagen habe ich herausgefunden, dass ich nichtsahnend bereits mehrere Male in diesem Viertel unterwegs war und es, bis auf die relativ häufigen Ruinen, sogar ganz nett fand. In Gesprächen im Praktikumsbüro, in dem übrigens drei Russen (und zwei Esten) arbeiten, wurde ich dann darauf aufmerksam gemacht dass die Abneigung vieler Esten gegen die russische Bevölkerung darauf zurückzuführen ist, dass ein Familienmitglied zu Sowjetzeiten zu den über 30.000 nach Sibirien deportierten Esten  gezählt haben könne. In diesem Fall sitzen die Narben natürlich besonders tief.

Wenn dann, in der aktuellen Situation mit Russland, die russischsprachige Minderheit teilweise noch den Wunsch äußert, Estland solle zu Russland gehören, dann ist der Ärger der Esten bzw. deren Angst aber auch irgendwie verständlich. In dieser angespannten Lage reichen dann auch kleine Provokationen - wie der junge Mann der mit breiter Brust heute morgen seine "Russia"-Jacke spazieren führte, einen Tag vor dem esntischen re-Unabhängigkeitstag wohlgemerkt, -um den Kessel zum überlaufen zu bringen. Auch wenn ich wirklich versuche, mich von dieser Stimmung nicht anstecken zu lassen, ertappe ich mich doch hin und wieder dabei wie ich es einfach dreist finde, wenn dieser Mann sehr unsensibel seinen Nationalstolz in einem viele Jahre gepeinigten Land durch die Gegend trägt, wenn es als selbstverständlich angesehen wird, dass jeder hier Russisch spricht - dabei hat der Großteil der jungen Generation diese Sprache nie gelernt. 

Das "Nebeneinanderherleben" zieht sich hier durch viele Bereiche des Lebens und wird davon, dass die russischschprachige Bevölkerung sich hier hauptsächlich über das russische Staatsfernsehen informiert und die estnischsprachige über estnische Medien, die meiner Meinung nach den Konflikt oft nur noch anheizen, sicher nicht begünstigt. So erklärten in einer erst kürzlich durchgeführten Studie des estnischen Verteidigungsministeriums 64% der Esten sie würden Russland immer noch als die größte Bedrohung für das eigene Land wahrnehmen- unter der russischsprachigen Bevölkerung teilen diese Meinung lediglich 6%. Zudem befürchten 61% der Esten, ihr Land könne von einem anderen Land eingenommen werden. Man sieht, die Wunden einer jahrhundertelangen Geschichte der Fremdokkupation sitzen tief. Vor kurzem bin ich auf einen Artikel in den europäischen Medien gestoßen, der ganz offensichtlich die Angst der Esten vor ihren russischsprachigen Mitbürgern mindern soll. Darin werden mehrere junge, russischsprachige Leute aus den drei baltischen Ländern zu ihrer Positionierung zu Russland befragt - solche Artikel scheinen hier wirklich bitter nötig zu sein, um das Zusammenleben zu erleichtern. Hier ein Auszug (http://www.euractiv.com/sections/europes-east/new-generation-baltic-russian-speakers-310405):

Elena, an Estonian schoolgirl, is also a fine example of the delicate Russian-Estonian demographic melting pot. She emphasises that while her mother tongue is Russian, that does not make her a Russian compatriot. “I was born in Estonia,” she explains. “It is my homeland.” She is sceptical that Russian speakers have genuine grievances in Estonia, and suggests that “people imagine some kind of problems.”
Anton, a 24-year-old Russian speaking student from Tallinn, considers Estonia to be his home. Furthermore, he shuns the notion of being defined as a Russian compatriot. He argues: “I do not consider myself as a compatriot, because apart from the Russian language, nothing ties me with Russia.”
He also added that he has “sworn allegiance to Estonia”. When asked if he thinks that Russian speakers in Estonia have legitimate grievances, he provided a quick and brief response, “What kind of provocative question [is that]… I’m fine.” He wittily added, “The ones who do all the complaining, do not do anything. At school they needed to learn [the Estonian language], but not drink in the alleys.” For those Russian speakers that would say they require Russia’s protection, he provided a short but firm answer suggesting that Russia is only a short train ride away: ”If they think they need Russia’s protection, please…luggage, station, Russia.”
Eine beruhigende Wirkung haben diese Aussagen der jungen Leute sicherlich und vielleicht ist dieser Artikel deshalb sehr wichtig. Gleichzeitig muss ich aber sagen dass es eigentlich enttäuschend ist, dass Derartiges nötig ist, dass die Leute sich nicht einfach denken können, dass diese neue Generation baltischer Russen die Sowjetunion nie kennengelernt hat, dass man diese Generation nicht für die Fehler ihrer Eltern und Urgroßeltern verantwortlich machen kann und darf. 
In a nutshell: Beziehungsstatus zwischen russisch- und estnischsprachiger Bevölkerung in Estland: Es ist kompliziert. Auch wenn es schade ist, dass erst die noch größere Angst vor Russland heute die Politiker hier wachrüttelt und endlich stärkere Integrationsmaßnahmen ergriffen werden sollen, ist dies vielleicht jetzt auch eine Chance, die Parallelwelten zusammenzubringen. Von einem Tag auf den anderen, wird dies allerdings nicht möglich sein. 
Für heute, zum 24. re-Unabhängigkeitstag der Republik Estland, verbleibe ich deshalb mit einem hoffnungsvollen "Happy Essti taassiseseisvumispäev" - einen frohen estnischen Unabhängigkeitstag. Hoffen wir das die nächsten Jahre diesem Land und dessen eingeschüchtertem Volk helfen können, mehr Selbstsicherheit zu erlangen und sich dadurch mehr für die "neue" russischsprachige Bevölkerung in Estland öffnen können. 

P.s.: Die Esten arbeiten gerade auch mit Hochdruck an einer sogenannten data embassy, einer digitalen Botschaft, die das Land auch regierbar und vor allem verwaltbar  machen soll, sollte das Land physisch eingenommen werden. Die Idee, wenn ich alles richtig verstanden habe, ist es, alle relevanten Daten in eine Cloud zu schieben, auf die man entweder von Servern in den estnischen Botschaften oder von dafür extra eingerichteten Servern im Ausland, den digital embassies, zugreifen kann. Hintergrund: das Beispiel der Ukraine-Krise zeigt, dass wenn ein Gebiet eingenommen wird auch die dortigen Daten in die Hände des "Eroberers" fallen. Somit gibt es beispielsweise auf der Krim jetzt große Schwierigkeiten für Eigentümer, ihre Rechte auf ihr Grundstück nachzuweisen, da die Register entweder schon zerstört worden sind oder aber einfach in Händen der Russen sind.
inoffizieller Hintergrund - meine eigene Interpretation: hier zeigt sich nochmal die Angst der Esten, von einem anderen Land erneut erobert zu werden. Die data embassy trifft dafür dementsprechende Vorkehrungen.

Der Unabhängigkeitsplatz mit links dem Unabhängigkeitskreuz, eigentlich glaube ich eine Art Bundesverdienstkreuz, und rechts die Flagge wurde in Vorbereitung für das Konzert zum Umabhängigkeitstag heute aufgehangen.

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