Dienstag, 25. August 2015

Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus und Kommunismus

na, wer findet Julia und mich auf diesem Pressefoto?


Mit einem bedrückenden Gefühl beobachte ich gemeinsam mit Julia das Spektakel am Unabhängigkeitsplatz. Auch wenn ich fast nichts verstehe, so entnehme ich den Reden auf Estnisch doch das Wichtigste: "Kommunism", "Fašism", "vabadus". "Kommunismus", "Faschismus" und immer wieder "Freiheit", "Freiheit", "Freiheit". Der einzige englischsprachige Beitrag des britischen Botschafters in Estland gibt mir ein beklemmendes Gefühl - "wie 1939" wiederholt er wieder und wieder, vergleicht die Sicherheitssituation Europas 1939 mit jener von heute. Während der anschließenden Kranzniederlegungszeremonie habe ich einen Kloß im Hals, muss mir ein paar Tränen verkneifen bei dem Gedanken, was die Menschen in diesem Land schon mitgemacht haben und welche unglaubliche Angst, vielleicht auch welchen Hass, sie bei den Worten der Redner verspüren müssen. Eigentlich würde ich diese scharf kritisieren, als Anstachelung, die nicht zu einer Besserung der aktuellen Lage beitragen wird. Aber heute, am Gedenktag, geht es um Aufklärung, um Bewusstsein, um Wachsamkeit. Die eingeladenen russischen Vertreter haben abgesagt, sehen anscheinend keinen Anlass irgendjemandem oder irgendetwas aus der mit ihnen verstrickten Vergangenheit zu gedenken. Es hagelt harsche Kritik für diese Absage.
Aber auch deutsche Vertreter kann ich nirgends finden und frage mich, warum deren Abwesenheit nicht angesprochen wird. Sicherlich ist der Grund dafür ein anderer, als der für die russische Abwesenheit, aber dennoch. Man merkt, dass wieder einmal die Schrecken des Kommunismus präsenter, irgendwie tiefer sitzen als die des Nationalsozialismus.

Im Jahre 2009 erklärte das Europäische Parlament den 23. August zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus und Kommunismus. Na, wer hat von diesem Gedenktag schonmal etwas gehört? In den westeuropäischen Ländern, die zumindest vom Kommunismus offensichtlich nicht oder nur teilweise betroffen waren (Deutschland bildet da sicherlich eine Ausnahme), ist das Bewusstsein für die Gräueltaten meist nur im Bezug auf den Nationalsozialismus vorhanden. Doch während das dritte Reich ein ständiges Thema überall in Europa und selbst der Welt ist, warden die Schrecken der UdSSR nur selten thematisiert. Hier in Estland ist das anders. Hier wird den Opfern beider Schreckensregime gedacht. Hier fordert man eine breitere Aufklärung über die Opfer des Kommunismus in Westeuropa.
 
So trafen sich auch in diesem Jahr Vertreter zumeist osteuropäischer Länder am 23. August hier in Tallinn, um auf einer gemeinsamen Konferenz der Opfer zu gedenken und, darüber hinaus, eine internationale Instanz ins Leben zu rufen, die den Gräueltaten des kommunistischen Regimes in der UdSSR genauer nachgehen soll. Die große estnische Zeitungsagentur Postimees schrieb diesbezüglich (http://news.postimees.ee/3304017/editorial-remembering-the-victims-of-communism-and-nazism):
 
"Notice that the declaration was by Eastern European nations alone – those that have known the sufferings under communist yoke. These very nations will also need to labour that the topic gain a broader audience, involving the Western European nations."
 
Im dazugehörigen Artikel wird die Aufforderung deutlich, ebenso wie dem Nationalsozialistischen Regime auch dem Kommunistischen nachzugehen - Ermittlungen, die bisher zum Großteil versäumt wurden. Besonders in den westeuropäischen Ländern scheint es daher überhaupt kein Bewusstsein für die Gräueltaten dieses Regimes zu geben. Wusstet ihr, dass während der stalinistischen Säuberungen schätzungsweise zwischen 3 und 20 Millionen Menschen verfolgt und getöten wurden?
In Westeuropa, vor allem in Deutschland, scheint dies allerdings hinter den Schrecken des Nationalsozialismus unterzugehen. Der Postimees Zeitungsartikel liefert dazu das passende Bild:
("Hör auf mich anzustarren! Schau dir an was diese Nazi-Bastarde getan haben")
Klar ist, dass mehr Aufklärungsarbeit geleistet werden muss. Klar ist, dass Westeuropa sich hier entschiedener hinter die osteuropäischen Staaten stellen sollte. Letztendlich wird ein offenere Umgang mit der kommunistischen Geschichte vielleicht auch aufgestaute Ängste und Wut der estnischen Bevölkerung ihrer russischsprachigen Minderheit gegenüber mindern können, damit diese Bevölkerungsgruppen endlich besser aufeinander zugehen können und den europäischen Gedanken der kulturellen Vielfalt auch in ihrem Land leben können.
 

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