Samstag, 1. August 2015

eine Woche Tallinn

Nach 40 Arbeitsstunden, 4 Litern Kama (ein estnisches Getränk aus Kefir und einem Getreidepulver), 10 Stunden Spaziergang und ganz, ganz viel Ruhe ist meine erste Woche in Tallinn nun auch schon vorüber.
Dabei wird mein erster Eindruck des Landes vor allem von Vielseitigkeit geprägt, die die Straßen Tallinns perfekt widerspiegeln: während sich das Zentrum urig, mittelalterlich präsentiert, mit vielen Handarbeitsläden, Kneipen und vor allem viel Kopfsteinpflaster, strotzt das Rotermann-Viertel, in dem sich auch mein Praktikumsbüro befindet, nur so vor Moderne, Design und Lifestyle. In den Wohnvierteln um den Stadtkern herum findet man dagegen vor allem alte Sowjetbauten, verlassene und Häuser und Ruinen, Graffiti, löchrige Straßen. In Tallinns Straßen vereinen sich Tradition und Moderne, Geschichte und die Ungeduld nach einer besseren Zukunft. 
Dementsprechend sind die jungen Esten hier sehr europäisch, sprechen fließend Englisch und engagieren sich für die weitere Integration des Landes in die EU, während die Älteren außer Estnisch lediglich Russisch verstehen und manchmal, so scheint es mir, den plötzlichen Umbruch des Landes noch verarbeiten müssen. Aber auch der Wunsch der Jungen, "dem Westen" anzugehören, wird von der langen Geschichte der Fremdbesetzung dieses kleinen Landes immer noch eingeholt. So wehren sich die Esten vehement gegen den EU-Beschluss der Flüchtlingsquota, nach der ca. 1000 Flüchtlinge nach Estland kommen sollen. Das Argument: wir waren lange genug von Ausländern besetzt und müssen mit den Folgen dieser Besetzung noch immer kämpfen (gut 1/3 der Bevölkerung sind Russen), deshalb wollen wir uns sicher nicht noch mehr Fremde in unser Land holen. Das Studium englischsprachiger Zeitungen des Landes setzte mich zudem darüber in Kenntnis, das es hier, wie auch in Deutschland, sehr verstärkt den Problemsatz "Ich bin kein Rassist, aber" zu hören gibt. 

Und auch die Spannungen zwischen der russischen und der estnischen Bevölkerung sind deutlich zu spüren. An der Supermarktkasse, wenn der alte, russische Herr beharrlich Russisch mit der Kassiererin spricht und diese davon sichtlich nicht erfreut ist und  wenn meine Gastgeber mir raten, nicht in das russische Viertel ein paar Haltestellen weiter zu fahren. Viele Esten sind überzeugt, dass sich die Russen hier Sowjetunion zurückwünschen. Dementsprechend ist die negative Haltung der russischen Minderheit gegenüber auf gewisse Weise nachvollziehbar, besonders unter den aktuellen Umständen. 
Gut, dass ich erst in Russland und dann in Estland war/bin, sonst wäre ich auf jeden Fall noch voreingenommer als sowieso schon nach Russland gereist.

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