Samstag, 15. August 2015

das Volk, das nie ein Volk sein durfte und jetzt voll auf die Kacke haut

Ich mache jetzt hier einmal etwas,was man als Kulturwissenschaftlerin eigentlich niemals machen dürfte, was in diesem Falle aber angebracht ist,  um einen kleinen Eindruck dieses Landes - und vor allem der Bewohner dieses Landes zu geben. Schließlich sprechhen wir hier von einem europäischen Land mit einer sehr kleinen Bevölkerungszahl (1,3 Mio) und Landfläche, bei dem die meisten - bis vor einem Jahr ich eingeschlossen - nicht einmal wissen, wo es genau liegt, geschweige denn was für Möglichkeiten und Herausforderungen dieses Land bietet. Teile des Textes musste ich für mein Praktikum schreiben, wundert euch also nicht über den evtl. gehobenen Tonfall :D

Geschichte Estlands
Trotz jahrhundertelanger Besatzung durch Dänen, Schweden, Polen, Deutsche und schließlich Russen haben es die Esten geschafft, ihre Kultur, ihre Erzählungen und ihre Sprache trotz oft repressiver Verbote zu bewahren und weiterzugeben. Nach einer kurzen Periode der nationalen Souveränität von 1923-1938 wurde diese erst wieder im August 1991 in Folge eines Erstarkens der nationalen Identität ab 1986/1987 erlangt. Im Rahmen der „singenden Revolution“, des baltischen Weges und anderer, oft studentischer öffentlicher Versammlungen, die die kulturelle Unabhängigkeit von der Sowjetunion aufgrund der eigenen, estnischen Traditionen sowie der estnischen Sprache hervorgehoben hattenhatte man die Unabhängigkeit Estlands friedlich „erkämpft“. Estland als solches ist also sogar noch jünger als die ehemalige DDR und hat dennoch in den letzten 24 Jahren der Unabhängigkeit (übrigens die längste Unabhängigkeitsperiode, die Estland JEMALS erlebt hat) eine bemerkenswerte Entwicklung durchgemacht. Aber kommen wir zunächst einmal zu den alteingesessenen estnischen Traditionen, die über die ewige Fremdbesatzung überdauert haben.

Sprache, Kultur und E-stonia

Zu den wichtigsten identitätsstiftenden Elementen der Esten gehört ihre Sprache, obwohl, oder gerade da sie lediglich von einer guten Million Menschen gesprochen wird und sich selbst gegen jahrzehntelange Russifizierungsmaßnahmen durchsetzen konnte. Estnisch ist für deutsche Ohren aus diversen Gründen eine sehr, sagen wir amüsante Sprache. Hier die Beobachtungen eines unwissenden, gelgentlichen Zuhörers (kein Anspruch auf Richtigkeit):

1. Menschen, die es im Deutschen nicht ausstehen tun können, wenn jemand Sätze immer so formulieren tut, wie ich es grade machen tue, werden es in Estland wahrscheinlich schwer haben, denn manche Wörter werden hier mit "tud" am Ende gebildet - ich glaube, das drückt den Passiv aus.

Beispiele: reserviert - reserveeritud

                geöffnet - avatud

                geschlossen - suletud

                geliebt - armastatud....und so weiter

2. Vokale spielen im Estnischen eine noch wichtigere Rolle, als in anderen Sprachen. Wird ein Vokal lang ausgesprochen, so setzt man ihn ein oder mehrmals hintereinander, so ähnlich wie beim Deutschen "Meer"

Beispiele: Õueala - Hofgegend

                Jäääär - Eisrand

                Kõueöö - Unwetternacht

                Puuõõnsus - Baumhöhle

                Töö-öö - Arbeitsnacht

3. meiner Meinung nach ist Estnisch die perfekte Frauen-sprechen-untereinander-quietsch Sprache, unter anderem wegen Punkt 2, da man alles nach belieben laaaaaaang ziehen nd quietschen kann :)

ein Beispiel: Hallo hießt auf Estnisch "Tere" [tärää ausgesprochen] und man kann das äääää am Ende, je nach Tageslaune, gerne auch ganz lang ziehen :)

4. fun fact für uns Deutsche: obwohl Estnisch mit dem Finnischen sehr eng verwandt ist, gibt es einige deutsche Lehnwörter, darunter z.B. Sprache - keel (dt. Kehle)

                                                        Hund - koer (dt. Köter)

                                                        Mütze - müts

                                                        Schnaps - naps (im Estnischen gibt es kaum Zischlaute)

                                                        Bild - pilt

                                                        Reisebüro - reisibüroo

                                                        

Weitergegeben wurde die estnische Sprache über die Jahrzehnte und –hunderte vor allem auch in Volksliedern, die die Esten bis heute anlässlich der 2003 durch die UNESCO zum immateriellen Weltkulturerbe erklärten Sängerfeste (estnLaulupidu) gesungen werden. Mit Beginn des nationalen Erwachens in den 1860er Jahren initiierte Johann Voldamar Jannsen, Verfasser des Textes der heutigen estnischen Nationalhymne, 1869 das erste Sängerfest in Tartu. Seit 1950 findet das Fest, begleitet vom jüngeren, aber ebenso traditionellen Tanzfest, alle fünf Jahre statt und zog damit zuletzt 2012 200.000 aktive Teilnehmer und Zuschauer an.


Neben diesen sehr klassischen Elementen der estnischen Kultur, kann man heutzutage aberdurchaus auch technologisches know-how als Teil der neueren estnischen Identität identifizieren: weltweit ist das kleine baltische Land für seine hochmoderne digitale Gesellschaft bekannt, deren erfolgreichster Sprössling wohl die (ehemalige) Skype Technologies SA ist. Oft nennt man Estland sogar nur noch "E-stonia". Innerhalb kürzester Zeit sind neue Technologien in Estland in den Alltagsgebrauch übergegangen - 84% der Esten zwischen 16 und 74 Jahren nutzen so täglich e-Services wie m-Parking, m-Payment, e-School und e-Prescriptions.Jeder denkbare Sektor des öffentlichen Lebens wird durch e-Cabinet, e-Law, e-Police und i-voting und digitalisiert, die bürokratischen Aufwand mindern und Administration und Bürger annähern sollen. 

Seit Ende 2014 gibt es in Estland sogar die e-residency, die Möglichkeit, estnischer e-Staatsbürger zu werden. Diese "Staatsbürgerschaft" ist zwar nicht mit einer richtigen Staatsbrügerschaft geschweige denn einem Visa gleichzusetzen, allerdings ermöglicht sie den Zugang zu vielen dieser e-Services, vor allem mit dem Ziel, Unternehmensgründer von online Unternehmen ins Land bzw. ins digitale Estland zu locken.


In Sachen Technologie und Internet ist Estland ein großes europäisches Vorbild, wahrscheinlich gerade deshalb, weil die Technologie hier nicht nur als reiner Service angesehen wird. Linnar Viik, Dozent am estnischen IT College, Regierungsberater und Mitverantwortlicher für die rasante informationstechnologische Entwicklung des Landes, sagte diesbezüglicht: “for young Estonians […] the internet is […] a symbol of democracy and freedom - Freiheit von den russischen Besatzern, Freiheit die eigene Identität zu leben und Freiheit, sich der Demokratie und dem Westen zuzuwenden. So nennt Viik zwei zentrale Gründe für die rasche technologische Aufholjagd, nach der wiedererlangten Unabhängigkeit. Einerseits, die kulturelle und wirtschaftliche Nähe zu Skandinavien bzw. den technologisch fortschrittlichen finnischen Nachbarn, andererseits das Bestreben, sich gegen die russischen Nachbarn abzusichern. Hätten diese die zentralen Kontaktmöglichkeiten Estlands  zur Außenwelt kurz nach dem Erlangen der Unabhängigkeit abgeschnitten (Fernsehturm, Radio, Zeitung), wäre das Internet als Brücke in den Westen eine letzte, verlässlichere Alternative gewesen.

Auch heute noch ist Estland ein Vorreiter in Sachen Cyber Security und arbeitet in diesem Bereich eng mit EU und NATO zusammen. Kleiner fun fact zum Ende: bei einem sehr ernstzunehmenden Cyber Angriff 2007 konnten die Informatiker die Hacker nur aus dem System schmeißen, indem sie nur noch Eingaben in estnischer Sprache zugelassen haben. Diese spricht, wie bereits gesagt, auf der Welt fast niemand.

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