Dienstag, 16. Juni 2015

ein Plädoyer für den Versuch, Russland zu verstehen [oder: Was ist uns der Friede wert?]

"Hast du eigentlich keine Angst, jetzt, zu diesen Zeiten, hier zu sein?"

Schon mehrmals habe ich diese Frage nun gestellt bekommen - sowohl von Deutschen, hier in Moskau und zu Hause, als auch von Russen hier vor Ort. Die Leute hier wissen, dass man in Europa mittlerweile Angst hat, nach Russland zu kommen. So bleiben etliche Praktikumsstellen, Au Pair Plätze, etc. nicht besetzt, weil es einfach keine Bewerber gibt (wenn ihr jemanden mit Interesse kennt, ich bin inoffiziell mit der Suche nach einem AuPair Mädchen und nach einem Praktikanten für den DAAD beauftragt worden).

Die Befürchtungen, es könne jederzeit ein Krieg ausbrechen, machen sich in solchen Bemerkungen sehr bemerkbar. Im Alltag allerdings, bekomme ich nichts dergleichen mit. Alles scheint, soweit ich das nach ein paar Tagen beurteilen kann, seinem gewohnten Gang zu folgen. Natürlich wird ein den Medien, auf ganz andere Weise als bei uns, von den aktuellen politischen Veränderungen berichtet, aber weder eine große Aufruhr und Bestürzung (wie man es meist aus "unserer" Perspektive erwarten würde), noch eine übermäßige Euphorie sind hier zu spüren.

Umso interessanter wird es dann, wenn doch vorsichtige Gespräche über die aktuelle Situation in der Ukraine aufkommen - Gespräche mit den unterschiedlichsten Leuten und Standpunkten.

Da ist zum Beispiel der Mitarbeiter des AA in Moskau, den ich beim sonntäglichen Gottesdienst in der deutschen Botschaft kennenlerne, der die aktuellen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland als "auf kaltem Krieg" Niveau einstuft. "Wie zu Sowjetzeiten trifft man sich trotzdem noch, aber dann liest jeder Vertreter seinen Standpunkt vor, ohne auf den des Anderes einzugehen, und man stimmt überein nicht übereinzustimmen." Zumindest diesbezüglich scheinen also unsere europäischen Medien mit ihren Proklamationen eines neuen kalten Krieges nicht zu übertreiben. Ob solche Aufmacher konstruktiv sind, lasse ich dennoch hier mal offen stehen.

Direkt nach meiner Ankunft versuche ich einem Gespräch zwischen meiner Gastgeberin und einem Freund über die aktuelle Situation zu folgen. Der Freund, ein junger, erfolgreicher, gebildeter Russe, befürwortet die russische Perspektive, sowohl bezüglich der Krim, als auch bezüglich des NGO-Agentengesetzes. Es gäbe viele Fälle, in denen ausländische NGOs Geldwäsche betrieben hätten, oder auf andere Art und Weise der russischen Föderation schaden würden. In den russichen Medien werden hierfür stets einige Beispiele gennant, auf die sich dieser Freund stützt.

Und dann ist da ein Gespräch mit einer Stiftungsmitarbeiterin, dir mir sagt, dass die Stiftung auch von den russischen Mitarbeitern fordert, die "westliche" Perspektive zu teilen, dass der Anschluss der Krim an Russland eine Annexion war, die völkerrechtlich zu verurteilen ist. Sie fragt mich nach meiner Meinung. Ich kann es einfach schlecht beurteilen, sage ich. Wir sind einfach zu abhängig von unserer medialen Berichterstattung, sowohl in Europa, als auch in Russland. Und zumindest für die nächsten sechs Wochen möchte ich versuchen, mir mein eigenes Bild von der Situation zu verschaffen, ohne Vorurteile, ohne Vorbehalte, so als hätte ich mein Wissen aus unseren europäischen Medien nicht. Denn ich glaube nur. wenn Wörter wie Völkerrechtsverletzung, Kriegsbestreben und Imperialismus nicht mehr in meinem Kopf aufschreien, habe ich eine Chance, auch den russischen Standpunkt irgendwie verstehen zu können - einen Standpunkt, den man sich in Europa und in den USA wehrt zu verstehen. Denn wenn mir hier eine junge, sehr gut ausgebildete Frau mit hohem Studienabschluss sagt, dass sie die Krise zwiespältig betrachtet und dass für viele Russen das, was bei uns Annexion genannt wird, als eine Wiedervereinigung mit zeitweilig entfernten Brüdern gesehen wird, dann finde ich kommt man nicht drumherum, dies ernstzunehmen.

Viele Russen vergleichen die Anschließung der Krim an die russische Föderation mit der deutschen Wiedervereinigung, d.h. der "Anschließung" der DDR an die BRD. Historisch und kulturell betrachtet sind die Bande zwischen den Ländern/Regionen durchaus nachvollziehbar, schließlich wird die Ukraine auch als Wiege der russischen Kultur gesehen. Letzlich ist in diesem Argumentationszusammenhang das Argument der überwiegend russischen Bevölkerung auf der Krim durchaus schlagkräftig.

Natürlich tendiere ich nun dazu, sehr schlagkräftige Gegenargumente anzubringen, aber die kennen wir alle (die hauen schon genug Journalisten und Politiker mit voller Kraft auf den Tisch), die muss ich hier nicht nennen. (schließlich ist dies nach wie vor ein Versuch, Russland zu verstehen).

Vielleicht liegt die Wahrheit ja irgendwo zwischen Annexion und Wiedervereinigung - vielleicht auch nicht. Aber es ist doch immer wieder spannend, wie die Wortwahl Situationen in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen kann. Vielleicht würde der diplomatische Gebrauch von neutraleren Ausdrücken die Verständigung zwischen den nunmehr derart verhärteten Seiten erleichtern, bzw. wieder ermöglichen. Das sollte uns der Frieden allemal wert sein.

Montag, 15. Juni 2015

Bilder, die für sich sprechen

Heute war mein erster Praktikumstag - und ich durfte nach 30 Minuten wieder gehen. Die Mädels/Frauen im Büro waren aber alle super lieb und haben mir auch angeboten, mir mit meinem Russisch zu helfen :)
Also haben Jule (Judiths ehemalige Praktikantin), Judtih und ich die Zeit für eine Schifffahrt auf der Moskva benutzt - und diese war wirklich atemberaubend schön. Weil es schon spät ist und weil ich finde, dass die Bilder für sich sprechen, hier erstmal nur Fotos..... Bis bald!

Moskau City

Verteidigungsministerium

Christerlöser-Kirche

Kreml

Kreml

Basilius Kathedrale

Samstag, 13. Juni 2015

Im Café mit Vera

die liebe Vera und ich im "Venedig des Nordens"



"Ich bin ein Freund Putins"...


Ermitasch

Moskau, die neuen Gebäude hinten links wirkten wie eine Fatamorgana

In Moskau gibt es gleich 7 Kulturpaläste

das White House Russlands

Mittagessen auf dem Schiff

"Es gibt Glück"

der Arbat

überall kann man Tauben halten/Kaninchen oder Katzen streicheln

Jule und ich


добро пожаловать!


St Petersburg

Nach einem etwas traurigen Abschied zu Hause ging es gestern morgen mit dem Flugzeug nach St. Petersburg. Bei der Ankunft bin ich etwas nervös, da ich schon länger nicht mehr in einem Land war, in dem ich erst durch die Visums- und Passkontrolle musste. Aber natürlich läuft alles gut, das grüne Licht blinkt und die Dame im Kontrollhäuschen winkt mich durch.
Mit einem kleinen Schild wartet am Ausgang dann Vera auf mich, die freundliche ältere Dame, bei der ich in St. Petersburg untergekommen wäre. Ich hätte sie fast übersehen, so klein ist sie.
Setzen wir uns erst einmal hin, Lisa, setzen wir uns hin, bittet sie mich, damit wir in Ruhe sprechen können. Viel verstehe ich nicht, aber das Wichtigste schon. Da ist es wieder, dieses unangeneheme Gefühl mich nicht ausreichend verständigen zu können, kein vernünftiges Gespräch führen zu können. Aber gut, dafür bin ich, unter anderem, hier.
Vera drückt mir noch schnell eine Banane in die Hand und wir ziehen also los, Richtung Moskauer Bahnhof, von dem in 4 Stunden mein Sapsan nach Moskau abfährt. Dort schließen wir meine Koffer ein, und machen uns zu Fuß auf den Weg, St. Petersburg wenigstens ein bisschen zu erkunden.
Wir essen Piroggen und trinken einen Tee, laufen den endlos langen und großen Newskii Prospekt hinunter. Sie zeigt mir beeindruckende Gebäude, Kirchen, Kaufhäuser. Schließlich den Ermitasch, der wirklich einfach wunderschön ist (siehe schlechtes Foto). Und nach diesem Rausch, diesen 3 Stunden, in denen ich gar nicht realisiere, wo ich eigentlich bin und was hier eigentlich vor sich geht, nehmen wir den Bus (der anscheinend in Deutschland ausrangiert wurde, das deutsche Haltewunsch-Knopf ist aber auch das einzige Indiz dafür) zurück zum Bahnhof. Als Vera mich vorm Sapsan verabschiedet, drückt sie mir noch eine Banane in die Hand, wünscht mir alles Gute, und ist so schnell wieder weg, wie sie auch da war, um mir in diesen 4 Stunden zu helfen, Gesellschaft zu leisten, ihre Stadt zu zeigen.

Moskau

Im Sapsan laufen 4 Stunden lang hauptsächlich Filmchen über Kaliningrad (zur Zeit reiner Zufall oder nicht, das lasse ich jetzt mal offen stehen). Ich rausche vorbei an einer wunderschönen Landschaft, deren Größe und Weite sich nur erahnen lässt. Ein wunderschöner See jagt den anderen, zwischendurch sehe ich einige Datschas oder verlassene Industriegebäude.
Als ich in Moskau ankomme, wartet bereits ein Taxifahrer auf mich, den Judith mir bestellt hat. Mit ihm und Scooter-Beschallung kurve ich ca. 25 Minuten durch Moskau by night und komme um Mitterbnacht endlich vor dem deutschen Dorf an. Judith empfängt mich darußen vor dem Haus mit einem russischen Freund und den Worten, ich hoffe du hast noch Hunger. Immer doch :) In der sehr gemütlichen Wohnung essen wir dann noch französische Spezialitäten, die eine andere eingeladene Freundin aus Genf mitgebracht hat, trinken Wein und spielen Activity. Zwischendurch spricht Judith mit einem Freund auf Russisch über die aktuelle Lage in Russland, das neue Gesetz für NGOs und die Krim. Ihr Freund vertritt diesbezüglich vollkommen den russichen Standpunkt. Ich bleibe still und versuche einfach zu verstehen -  für politische Gespräche reicht mein Russisch sowieso nicht annähernd. Um 3 Uhr geht es dann ins Bett.
Heute morgen nimmt mich Judith mit zu ihrer Arbeit zum DAAD. Zufällig finde ich dort noch eine Russische Tandempartnerin, die in 2 Wochen nach Dresden geht und unbedingt ihr Deutsch vorher verbessern will. Wir tauschen Telefonnummern aus (ich habe jetzt ein russische Nummer).
Danach treffen wir uns mit Judtihs deutscher Prakitkantin Jule, die in zwei Tage wieder nach Deutschland zurückgeht. Zusammen flanieren wir an der Moskwa entlang, vorbei am Präsidentenpalast bzw white house Vladimir Putins. Auf einem anliegenden Schiff essen wir zu Mittag, Nachtisch gibt es auf dem Arbat, einer wunderschönen und ruhigen Fußgängerzone, die besonders nach den wirklich stressigen großen Straßen eine Wahnsinnserholung ist :)

Und jetzt bin ich wieder im Deutschen Dorf, ein wirklich eigenartiger, aber schöner, Ort.
Meine ersten Eindrücke von Moskau:
alles ist riesig groß, überall hängen russische Flaggen oder patriotischer Straßenschmuck, es gibt viele uniformierte Menschen und an jeder Metrostation kleine Häuschen, in denen gelangweilte Leute sitzen und scheinbar nichts tun. Das Wetter in Moskau ist der Hammer! 30°! Überall gibt es Kontrolldurchgangsdinger wie am Flughafen, die aber keinen interessieren. Die meisten Leute sind sehr forsch. Was ich total lustig und irgendwie angenehm finde (fragt mich nicht, warum), ist dass die Leute wie selbstverständlich immer einfach weiterreden, auch wenn sie ganz genau merken, dass man nicht gerade gute Russischkenntnisse besitzt. Aber gut, sie reden einfach und lassen mich versuchen, in ihrer Sprache zu sprechen.
Kurzum, ich mag Moskau, es ist schon anders, wie und warum genau, das weiß ich noch nicht, aber ich werde es herausfinden :)

Grüße nach Hause!! :) <3

Montag, 12. Januar 2015

Wochenende auf dem Land :)



La Galette des Rois ist ein Kuchen, den man hier traditionell am 6. Januar isst. Darin ist eine kleine Figur versteckt und derjenige, der diese Figur in seinem Stück hat, ist an diesem Tag der König. Um die Stücke auch ohne Pfuschen zu verteilen, muss der oder die Jüngste in der Runde unter den Tisch klettern, und ansagen an wen das jeweilige Kuchenstück gehen soll..
Wie man sieht ist Catherine Königin geworden. Ihr Kommentar für das Foto: als französische Königin darf die Flasche Wein nicht fehlen.


Julia und ich durften Mini-Pelleteuse fahren :D und wurden dabei von Claude attackiert :)









Springreiten ohne Pferde - die wollten nicht.

manch einer blieb in der ganzen bouillasse [Matsche] auch schonmal stecken...


unsere Lehmkunststücke. Das vordere ist von Yunfeng, der in Paris Kunst studieren will und hier in Le Mans Französisch lernt.
zeigt her eure Hände.... :D die Schuhe wollt ihr lieber gar nicht sehen :)

Samstag, 10. Januar 2015

Qui est Charlie? [Wer ist Charlie?]

Hallo ihr Lieben,

wie ihr ja alle in den Nachrichten mitbekommen habt, gab es in Paris ein schreckliches Attentat auf das Satiremagazin Charlie Hebdo. Ihr könnt euch sicherlich anhand der deutschen Medien ein Bild von der aktuellen Stimmung in Frankreich machen. Alle Menschen solidarisieren sich unter dem Motto "Je suis Charlie" (Ich bin Charlie), oder "Nous sommes tous Charlie" (Wir sind alle Charlie), gehen auf die Straßen, um den Opfern zu gedenken und um einzustehen für jene Presse- und Meinungsfreiheit, die sich die Franzosen im Laufe ihrer Geschichte so hart erkämpft haben.
Ich beobachte die Entwicklungen hier mit gemischten Gefühlen. Ja, es ist toll zu sehen, wie ein Volk zusammenrücken kann, wie es gemeinsam einer grauenhaften Tat gedenkt. Ich bin mir sicher dass die Mehrheit jener, die sich nun als "Charlie" bezeichnen - im Internet in Form ihres Profilbildes, in Form von T-Shirts, in Form von Schildern in Schaufenstern oder auch in Form von digitalen Anzeigen an den Tramhaltestellen - friedlich gedenken und an die Werte ihrer Republik erinnern wollen.



Punkt. Leider gibt es ein "aber", das hier in Frankreich bisher noch nicht von vielen Leuten (zumindest in meinem Umfeld) bedacht wird. "Nous sommes tous Charlie", aber c'est qui exactement, Charlie? [Wer genau ist Charlie?] Unter den vielen Millionen Charlies gibt es nämlich leider auch jene, die unter falschem Namen unterwegs sind - jene, die sich hinter der Solidaritätsbewegung verstecken und sie ausnutzen, um rechte Parolen gegen den Islam zu verbreiten.
Bilder, die Leute aus Le Mans bei facebook hochladen

Die Nachrichten sprechen für sich. Hier in Le Mans wurde eine Moschee mit Granaten attackiert. Zum Glück gab es keine Verletzten. Außerdem wurden Autos im eher muslimisch geprägten Viertel angezündet. Die Front National fordert die Wiedereinführung der Todesstrafe - Jean Marie Le Pen schlägt sogar die Guillotine vor. In Deutschland fühlt sich die Pegida nun in ihren Phantomängsten bestätigt. Eine Grundschulschülerin meiner Mama hat Angst in Deutschland zu leben, weil ihre Moschee mit Hakenkreuzen beschmiert worden ist.

Genau diese Entwicklung macht mir Angst. Grade deshalb, weil sie von vielen nicht wahrgenommen wird - auch in den Medien finde ich die kritische Berichterstattung zu "Nous sommes Charlie" sehr dürftig.
Dennoch gibt es heute eine Demo vor eben der Moschee, die attackiert wurde, für Demokratie und gegen "Racheakte" gegen den Islam, gegen die Verwechslung von Fundementalismus mit dem friedlichen Islam, gegen Rassismus und Ausgrenzung. ABER es gibt auch hier ei ABER. Denn die Demo wurde auch per facebook angekündigt und dort ist nicht klar zu sehen, dass man nicht nur unter dem Slogan "Nous sommes tous Charlie", sondern auch zur Verurteilung von Rechtsextremismus auf die Straße gehen will.
Für mich haben sich in den letzten Tagen Fragen gestellt, die ich mir noch nie in meinem Leben stellen musste. Einerseits würde ich so gerne bei dieser Demo heute mitlaufen, weil ich es so dringend notwendig finde, nun gegen Rechtsextremismus Flagge zu zeigen. Andererseits ist die Demo, wie gesagt, nicht klar definiert und ich möchte nicht mit Rechtsextremisten mitlaufen, die sich hinter "Nous sommes tous Charlie" verstecken und sich durch diese Bewegung in ihrem braunen Gedankengut angestachelt fühlen.

Qui est Charlie? Diese Frage ist in Frankreich zur Zeit einfach nicht ausreichend geklärt. Und solange unter dem Namen Charlie auch Rechtsextreme und Islamophobe mitlaufen, halte ich mich aus dieser Bewegung raus.