Donnerstag, 16. Juli 2015

Kennenlernkultur


„Entschuldigung, darf ich Sie kennenlernen?“ tritt inmitten der Alexandrowski Gärten  ein junger, im Anzug gekleideter Mann an mich heran. Ich bin gerade mit Gayane, unserer Sekretärin, unterwegs und  völlig überrascht davon, so willkürlich angesprochen zu werden. „Ich möchte Sie kennenlernen. Darf ich Ihren Namen erfahren?“ insistiert er. Völlig verdutzt lehne  ich ab, doch mein Nein wird nicht akzeptiert. Warum ich ihn nicht treffen wolle?, möchte er wissen. Ob ich kein Russisch verstünde, wendet er sich an Gayane. Zum Glück erlöst uns Dima, mein deutsch-russischer Co-Praktikant, aus der unangenehmen Situation, indem er sich zu uns gesellt und dem jungen Mann verständlich macht, dass ich wirklich kein Interesse habe*.

Für mich war diese Anmache plump, komisch und unangenehm, auch wenn der Mann die ganze Zeit über sehr höflich geblieben ist. Für russische Frauen, so erklärt mir Dima, völlig normal, ja wird sogar so erwartet, gewünscht. Mein Fehler war wohl, dass ich mein Nein nicht entschieden genug gesagt habe, mich nicht umgedreht habe und weggegangen bin. Wenn Frau hier in einer solchen Situation lächelnd und verwirrt dreinschauend Nein sagt, dann ist das so gut wie ein ja.

Was ist das für eine Kennenlernkultur, wie verhalten sich Männer und Frauen hier auf Partnersuche?

Zunächst einmal fällt mir auf, dass man hier in Moskau als Frau – egal, wo man ist – „auf dem Markt“ ist. Ob ich mit Gayane und Dima durch die Moskauer Innenstadt schlendere, einkaufen gehen, in der Metro bin, überall ist es völlig normal, angesprochen zu werden. Ich persönlich empfinde das als einen Angriff auf meine Privatsphäre. Wenn ich jemand kennenlernen wolle würde, dann würde ich dorthin gehen, wo man eben Leute kennenlernt. Das hängt sicherlich auch mit der deutschen/europäischen Praxis zusammen sich schick zu machen, wenn man ausgeht und Leute trifft. Im Alltag läuft man dagegen gemütlich rum, kleidet sich in Jeans, T-shirt und Sneakers, möchte mehr oder weniger unter sich bleiben. Man muss keinen Eindruck machen.

Hier, zumindest gilt das in jedem Fall für Moskau, ist jeder noch so langweilige  und stinknormale Tag eine neue Gelegenheit für Frauen, sich besonders schick zu machen, aufzufallen: mit möglichst hohen Schuhen, Kleid oder Rock und dem passenden Make-up ist das Moskauer Alltagsoutfit perfekt. Wenn eine Frau dann angesprochen wird, ist das für sie ein großes Kompliment. Sie gibt sich bescheiden, spricht leise und lächelt leicht, lehnt das Angebot ab. Das gehört sich so, für eine junge Frau mit Anstand. Nach mehrmaligem insistieren seitens des Mannes kommt es dann zu einem Treffen. Und hier wird es nochmal interessant, denn das Idealbild der russischen Frau ist doch ganz schön anders als das, der europäischen/deutschen. Wunderschön sein reicht auch in Russland nicht, um die Herzen der Männer zu erweichen. Klug muss man sein, ein Familienmensch, Berufstätig und, am wichtigsten, schwach. Zumindest muss man so tun. Wer sich also im Dunkeln nicht nach Hause bringen lässt, seine Restaurantrechnung alleine zahlt, oder seine Tasche alleine schleppt, der ist nicht begehrenswürdig. Schließlich muss der Mann der Beschützer sein, stark und furchtlos, mit einer wunderschönen, schwachen Frau an seiner Seite. Böse Zungen würden sagen, Mann und Frau puschen sich mit diesem Verhalten gegenseitig ihr Ego auf...Aber das ist jetzt mein europäischer Standpunkt, den die russischen Damen sicherlich auch verwerflich fänden. 

Kurz und knapp gesagt sind die Geschlechterrollen hier noch sehr traditionell verteilt - und Homosexualität ist natürlich ein Tabu-Thema. Geheiratet wird früh, zwischen Mann und Frau, nicht selten bereits dann, wenn man ein halbes oder 1 Jahr zusammen gewesen ist. Die Russen sind also traditionelle Romantiker, was die Liebe angeht. 
"Es hätte auch gut sein können, dass er dir ein Gedicht aufsagt", sagt mir Dima noch, nachdem er mir erklärt hat, wie die ur-russischen, traditionellen Kennenlernmethoden noch heute angewandt werden.

 
*andere Formulierungsvariante: 
Entschlossenen Schrittes kommt Dima, der die Situation von weitem beobachtet  hat, zu uns. „Dobre den“ begrüßt er den Anzugträger mit tiefer Stimme. „Entschuldigen Sie, ist das Ihre Dame?“ wendet sich letzterer überrascht an Dima. Mit einem bestimmten „Ja“ rettet mich Dima aus der heiklen Situation. Plötzlich galoppiert ein weißes Pferd heran, beherzt hilft mir Dima aufzusteigen und wir reiten gemeinsam gen Kreml, hinter dem die rote Abendsonne gerade versinkt.
(Wer den Text aufmerksam gelesen hat kann sich denken, wer diese Variante vorgeschlagen hat)
P.s.: Im Kreml wartet dann der edle Prinz Dieter von Wolfensburg auf mich, zu dem mich Dima sicher geleitet :):)

Mittwoch, 15. Juli 2015

Auf den Spuren der Macht



Schrill ertönt der Klang der Trillerpfeife irgendwo hinter uns. Hier dürfen wir offensichtlich nicht langgehen. Wir sind im Zentrum der Macht. Im Moskauer Kreml.

Hier beginnt der Einflussbereich Wladimir Putins und erstreckt sich bis in Gebiete, in denen der "Westen" die Finger Putins nicht im Spiel sehen möchte. Für 500 Rubel kann sich ein jeder Besucher Moskaus von dieser Machtzentrale ein eigenes Bild machen - und es ist ein schönes Bild, das sich da vor unseren Augen erstreckt. Kleine und große, goldene Zwiebeltürme ragen überall hervor. Bei all den wunderschönen Kirchenbauten weiß man mal wieder nicht, wo man zuerst hingucken soll. 7 Kirchen und Cathedralen stehen im inneren der zinnoberoten Kremlmauern. Die Nähe zwischen orthodoxer Kirche und Staat wird hier ganz öffentlich zelebriert. Abgesehen vom Kirchenplatz und einem fein säuberlich angelegten Garten darf man aber nicht besonders viele Ecken des Kremlinneren betreten. Fast regelmäßig erklingt das verwarnende Getriller der Trillerpfeifen, weil irgendjemand einen Schritt zu weit gesetzt hat oder sich sonst irgendwie unerlaubt verhält. Abgesperrt ist dennoch nichts. Dort, wo niemand laufen darf, steht ein RussiaToday Bus einsam und verlassen auf einem riesigen Platz. Dahinter befinden sich die Gebäude Putins - der Präsidentensitz. Wahrscheinlich wird er gerade von irgendeinem RussiaToday Journalisten interviewt und gibt, wie immer, den starken Mann, der Russland wieder zu einem großen Land machen wird.

Wir verlasen derweil den Kreml, der dem Anschein nach ganz frei war, von jeglichem politischen Geschehen -  so anders, als ich es vom Präsidentensitz der Russischen Föderation erwartet hätte. 
dort, wo man keine Menschenseele sieht außer Wachpersonal und RussiaToday dürfen sich Normalsterbliche nicht aufhalten

Samstag, 11. Juli 2015

Sowjetfeeling im WDNH, Minions im Moskauer Nachtleben und ....Puschkin Museum


Freitag nach der Arbeit sind wir mit ein paar Leuten vom Büro zum WDNH gefahren, eine Art Park, in dem die "Errungenschaften der Volkswirtschaft" der UdSSR ausgestellt werden. Man schlendert also vorbei an imposanter Sowjetarchitektur, die insbesondere die Bruderschaft zwischen den Sowjetrepubliken in Szene setzt. Es ist wie eine Zeitreise. Neben einem Brunnen der Völkerfreundschaft, einem zentralen Pavillon der Sowjetunion und diversen Länderpavillons (die meisten davon zu jeweils einer ehemaligen Sowjetrepublik) findet man dort das Kosmonautenmuseum mit einem Denkmal "Für die Eroberer des Weltraums" und das ehemals größte Riesenrad Europas. So richtig sowjetisch wurde die Atmosphäre aber erst durch die Musik aus jenen Zeiten, die, unablässlich aus den überall im Park verteilten Lautsprechern spielt. 
Spätetestens wenn man dann allerdings die Flagge Abchasiens an einer temporären Ausstellung wehen sieht und vor dem Eingang um Spenden für die Kinder im Donbass/in Neurussland gesammelt werden wird man prompt aus dem sowjetischen Traum von Völkerfreundschaft gerissen und steht wieder vor den allzu aktuellen Konflikten zwischen Russland und "dem Westen"....Könnte man doch nur ewig vor dem Brunnen der Völkerfreundschaft stehen bleiben...

Abends stürzten Dima, der neue Praktikant, und ich uns dann ins Moskauer Nachtleben. Nach einer sehr amüsanten Minionparty im Barbados ging es ins Gipsy, einen Club, der sich auf einer riesigen Dachterasse direkt an der Moskwa befindet. Besonders eindrucksvoll war, dass es schon um halb 4 hell wurde. Weniger toll war dann, dass die Metro erst ab kurz vor 6 wieder fuhr....

Nach viel zu wenig Schlaf stand dann Samstags ein Besuch des Puschkin Museums gemeinsam mit unserer armenischen Kollegin Gayane, die man einfach gern haben muss, an. Nach einem Abstecher zur Christ-Erlöser Cathedrale gings es dann nach Hause ins Bettchen.  
das Kosmonautenmuseum mit DenkmalEingang zum WDNH
 der zentrale Pavillon

Spenden für Neurussland

 Minionparty





Donnerstag, 9. Juli 2015

mal ein konkretes {raktikumsergebnis

Hallo ihr Lieben,

nur eine kurze Info für die, die es interessiert: eine Kurzpublikation, die ich geschrieben habe, steht jetzt online auf der Seite der KAS Moskau. Hier der Link :)

http://www.kas.de/wf/doc/kas_42005-1522-1-30.pdf?150709113939

Dienstag, 7. Juli 2015

Liebe Grüße nach Hause

Da die russische Post leider nicht besonders vertrauenswürdig ist und zudem ewig braucht, hier zwei kleine Eindrücke aus meinem deutschen Zuhause mitten in Moskau.
Liebe Grüße also besonders an die Omas vom deutschen Eck Moskau, an den Brombeerweg von der deutschen Spielstraße vor meiner Tür, und an alle, vom russischen Souvenirmarkt.
Ich hab euch lieb!
<3


Abschied

Seit Samstag bin ich übrigens mehr oder weniger alleine in der Wohnung, denn Judith, Louis und Lili sind für die Sommerferien nach Deutschland geflogen. Zum Abschied waren wir in einem unglaublich tollen indischen Restaurant essen, das sich in einem Hinterhof mitten in Moskaus ältestem Stadtviertel befindet. Besonders spannend war, dass es keine Speisekarte gab und man somit von jedem Gang überrascht wurde. So entspannt wie an diesem Abend, waren wir alle schon lange nicht mehr. Die Leute strahlten völlige Gelassenheit aus und wir mussten uns nicht mit der Frage herumschlagen, was wir bestellen wollen. 
Lange Rede kurzer Sinn, so spannend war das ganze natürlich nicht, es war eben sehr ENTspannend! :) Zudem fand ich die Umgebung so toll, dass ich euch davon noch ein paar Fotos hier hochladen muss.


Heute habe ich die Armut gesehen

Täglich laufe ich an ihnen vorbei, an all den Leuten am Straßenrand, vor- und in der Metro, mit Fotos ihrer Kinder, die sie doch ernähren müssen, Flyer austeilend vor den Geschäften oder verzweifelt, die offene Hand ausgestreckt, in Hausecken gepresst.
Bettelnde Menschen gibt es auch bei uns und, auch wenn ich mich schäme es sagen zu müssen, sind für mich nichts Außergewöhnliches. Aber diese Verkäufer an jeder Ecke, sie faszinieren mich, sie sind für mich bezeichnend für das Stadtbild Moskaus.
Oft haben sie kleine Stände aufgebaut, ein kleines Höckerchen oder ein Tuch auf dem Boden dient als Verkaufstisch. Und auch wenn ein jeder von diesen wortwörtlichen Einzelhändlern nicht mehr als 1, 2 oder vielleicht 10 Dinge verkauft, ist das Angebot doch gewaltig: Blaubeeren und Walderdbeeren in kleinen Plastikbechern, Salatköpfe, selbstgepflückte Blumen, Seidenstrümpfe, hochmoderne Klamotten, Bücher, alte Dokumente, selbstgestrickte Socken.... Heute habe ich eine Frau gesehen, die Setzlinge ihrer Wohnzimmerpflanze in abgeschnittenen Plastikflaschen verkaufte. Wie sie da stand und ihre Setzlinge verkaufen wollte wirkte sie so bizarr, fast lächerlich, und dennoch sprach aus ihrer Verzweiflungstat nur der letzte Rest Hoffnung, den sie aufbringen konnte.

Zuvor sind mir heute das erste Mal so richtig die schäbigen Hochhäuser aufgefallen, in denen so gut wie jeder Moskovite hier lebt. Wer es sich leisten konnte, hat aus dem Balkon seiner kleinen Wohnung im 35. Stock noch einen Wintergarten gezimmert – stabil sehen die alten Holzlatten und Wellbleche nicht aus. Wenn ich mir dann versuche bewusst zu machen, welche Massen an Menschen hier auf einem Raum leben, über- unter- und nebeneinander, dann wird mir ganz unwohl zumute.

Im großen, (offiziell) billigen Supermarkt, den ich heute aufsuche, um Geld zu sparen, fällt mir statt niedrigeren Preisen nur der Gestank nach Schweiß, abgenutzter Luft und alten Lebensmitteln auf. Frisches Obst und Gemüse kann man hier nicht finden, alles ist eingedetscht, dreckig, verschrumpelt und vermatscht. Kein Wunder, dass die Frische-Abteilung einem einzigen Wühltisch gleicht – ein jeder versucht durch minutenlanges Tasten und Wühlen, doch noch ein einigermaßen passables Exemplar zu finden.

Zurück ins deutsche Dorf fahre ich heute mit dem alten Trolleybus, dessen Sitze zum Großteil behelfsmäßig zusammengeklebt sind und schief in den Angeln liegen. Als ich aussteige und eine alte, schwerbepackte Dame vorne Schwierigkeiten dabei hat, einzusteigen, hilft ihr keiner. Und sie erwartet auch keine Hilfe, sie musste es schließlich schon immer alleine schaffen.

Heute habe ich Armut gesehen. Verzweifelte Menschen, um die sich keiner kümmert, schon gar nicht der Staat. Auf einem vorbeifahrenden Auto klebte neben dem Symbol der Sowjetunion der Spruch „спасибо деду, за победу!“ (Danke Opi, für den Sieg). Früher war Russland ein großes Land – ein Land, das nach dem Selbstverständnis der Russen Europa vom Nationalsozialismus befreit hat. Heute ist es isoliert, viele sind arm und verzweifelt. Kein Wunder, dass sie sich die Sowjetunion zurückwünschen. Kein Wunder, dass sie Putin unterstützen.